Ein Garten, in dem Falter taumeln, sieht aus wie ein Glücksfall. In Wahrheit ist er eine Planung. Denn Schmetterlinge brauchen zwei ganz verschiedene Speisekarten, und die meisten Gärten decken nur eine davon. Die eine ist der Nektar für die erwachsenen Falter, das ist die, an die alle denken. Die andere ist das Raupenfutter für den Nachwuchs, und die wird fast immer vergessen. Ein Sommerflieder allein macht noch keinen Schmetterlingsgarten. Er füttert die Gäste, aber er lässt sie keine Familie gründen.
Die gute Nachricht: Du musst deinen Garten nicht umgraben. Du musst nur an beide Speisekarten denken und den Nektar so staffeln, dass vom ersten warmen Märztag bis zum letzten milden Oktobertag immer etwas blüht. Dieser Artikel zeigt dir, wie das geht, Pflanze für Pflanze, Monat für Monat.
Warum zwei Speisekarten, nicht eine
Ein Schmetterling lebt zwei Leben. Im ersten ist er eine Raupe und frisst Blätter, oft nur die einer einzigen Pflanzenart. Im zweiten ist er ein Falter und trinkt Nektar, dabei ist er weniger wählerisch. Wenn du nur Nektarpflanzen setzt, lädst du Falter zu Besuch ein, die anderswo geschlüpft sind. Sobald sie Eier legen wollen, ziehen sie weiter, weil das Raupenfutter fehlt. Dein Garten wird zum Rastplatz, nicht zum Zuhause.
Genau hier liegt der Denkfehler in vielen „bienenfreundlichen" Beeten. Sie sind Tankstellen, keine Kinderstuben. Wer wirklich Schmetterlinge im Garten haben will, über Jahre, mit eigenem Nachwuchs, muss die Futterpflanzen der Raupen mitdenken. Und die sehen selten nach Zierbeet aus. Sie heißen Brennnessel, Wilde Möhre, Faulbaum oder schlicht: Wiese.
Der Nektar lockt die Gäste an, das Raupenfutter hält sie.
Gärtner-Faustregel
Die erste Speisekarte: Raupenfutter
Fang mit dem Teil an, den fast alle übersehen. Raupen sind spezialisiert. Der Schwalbenschwanz legt seine Eier an Doldenblütler wie Wilde Möhre, Fenchel oder Dill. Der Zitronenfalter braucht Faulbaum oder Kreuzdorn, sonst nichts. Und die wohl wichtigste Futterpflanze überhaupt ist die Große Brennnessel.
An der Brennnessel entwickeln sich die Raupen von Tagpfauenauge, Kleinem Fuchs, Admiral und Landkärtchen. Vier unserer buntesten und häufigsten Falter hängen an dieser einen, oft verachteten Pflanze. Der Haken: Die Raupen mögen nur Brennnesseln, die in der vollen Sonne stehen und jung sind. Ein schattiger Streifen hinter dem Komposthaufen wird kaum angenommen.
Raupen leben gefährlich und darum gesellig. Die schwarz-gelben Raupen des Kleinen Fuchses sitzen oft zu Dutzenden in einem Gespinst an der Brennnesselspitze. Das sieht nach Befall aus, ist aber genau das Bild, das du dir wünschst. Nicht absammeln, nicht spritzen, einfach stehen lassen. In zwei bis drei Wochen sind daraus Falter geworden.
Neben der Brennnessel lohnen sich weitere Wirtspflanzen, je nach Falter, den du fördern willst:
- Doldenblütler für den SchwalbenschwanzWilde Möhre, Fenchel und Dill. Lass ein paar Dillpflanzen im Kräuterbeet in Blüte gehen, statt alles zu ernten. Die grün-schwarz geringelten Raupen sind unverwechselbar.
- Faulbaum und Kreuzdorn für den ZitronenfalterEin einzelner Faulbaum am Gehölzrand reicht. Der Zitronenfalter ist einer der ersten im Jahr und überwintert als Falter im Laub.
- Gräser für die BraunenWiesenvögelchen, Ochsenauge und viele Bläulinge brauchen ungemähte Wildgräser. Eine Wiesenecke, die nur zweimal im Jahr gemäht wird, ist ihr Kinderzimmer.
- Hornklee und Wicken für die BläulingeSchmetterlingsblütler in der Wiese tragen die kleinen blauen Falter. Sie brauchen magere, nicht gedüngte Böden.
Die zweite Speisekarte: gestaffelter Nektar
Jetzt zum sichtbaren Teil. Falter brauchen Nektar vom ersten Frühlingstag bis in den Herbst, und zwar ohne Lücke. Der häufigste Fehler ist ein Beet, das im Juni explodiert und im August leer ist. Genau dann aber, im Hochsommer und Frühherbst, fliegen die meisten Falter. Denk in vier Fenstern.
Frühjahr · KW 10 bis 17
Die überwinterten Falter wie Zitronenfalter und Tagpfauenauge erwachen früh und hungrig. Jetzt zählt jede Blüte. Weidenkätzchen (Salweide), Krokus, Blaukissen, Traubenhyazinthe, Wildobstblüte und Löwenzahn sind die erste Rettung. Ein blühender Löwenzahn im Rasen ist im April wertvoller als jede Zierstaude.
Frühsommer · KW 18 bis 25
Der Übergang. Thymian, Oregano, Salbei, Kornblume, Natternkopf und die ersten Skabiosen tragen die Falter durch das Frühjahr in den Sommer. Kräuter, die du blühen lässt, sind hier ein doppelter Gewinn.
Hochsommer · KW 26 bis 34
Die Hauptflugzeit und die kritische Phase. Sommerflieder, Wasserdost, Skabiose, Kugeldistel, Ziest und Oregano liefern den Treibstoff für die zweite Faltergeneration. Wer hier eine Lücke hat, verliert die Population.
Herbst · KW 35 bis 43
Die Tankfüllung für den Winter. Herbstaster, Fetthenne, Patagonisches Eisenkraut und Efeublüte sind die letzten Nektarquellen. Falter, die als erwachsenes Tier überwintern, fressen sich hier ihre Fettreserven an. Eine späte Aster kann über das Überleben entscheiden.
Wenn du dir aus jedem der vier Fenster zwei bis drei Pflanzen aussuchst, hast du eine lückenlose Nektarkette. Wichtiger als die einzelne Art ist, dass immer etwas offen ist.
Der Sommerflieder heißt nicht umsonst Schmetterlingsstrauch. Kein anderer Strauch zieht im Hochsommer so viele Falter an. Aber er hat zwei Haken. Erstens ist er reiner Nektar, keine Raupe frisst seine Blätter, er ist also nur die halbe Miete. Zweitens versamt er sich stark und gilt mancherorts als invasiv.
Die heimische Alternative für den Hochsommer trägt fast genauso viele Falter und macht keine Probleme:
Der Wasserdost ist eine heimische Staude, die feuchte Standorte mag und im Hochsommer einen flachen, rosa Blütenschirm bildet, auf dem Falter wie an einem Landeplatz sitzen. Zusammen mit Skabiose und Kugeldistel ist er das Rückgrat eines späten Nektarbeets.
Für den Herbst, das vierte Fenster, ist die Herbstaster fast unschlagbar. Sie blüht, wenn fast alles andere schon vorbei ist.
Was einen guten Nektar von einem tauben unterscheidet
Nicht jede Blüte, die üppig aussieht, gibt Nektar. Die Zucht auf große, gefüllte Blüten hat vielen Zierpflanzen den Nektar weggezüchtet. Eine gefüllte Dahlie oder eine Edelrose ist für einen Falter oft eine leere Attrappe: viele Blütenblätter, kein Zugang, kein Zucker. Halte dich an ein paar einfache Regeln.
- Einfach vor gefülltWähle ungefüllte, offene Blüten. Wo der Falter die Staubgefäße sieht, kommt er auch an den Nektar. Gefüllte Sorten meiden.
- Heimisch vor exotischHeimische Wildstauden und ihre Falter haben sich über Jahrtausende aufeinander eingestellt. Exotische Beetpflanzen sind oft schön, aber leer.
- In Gruppen pflanzenSetze von jeder Art einen kleinen Trupp, nicht nur eine einzelne Pflanze. Ein Farbfleck von einem halben Quadratmeter wird aus der Luft gefunden, eine Einzelblüte nicht.
- Sonnig und windgeschütztFalter sind wechselwarm und lieben warme, windstille Plätze. Eine sonnige Ecke vor einer Hecke oder Mauer wird stärker angeflogen als ein zugiges Beet.
Struktur und Pflege: weniger ist mehr
Ein Schmetterlingsgarten lebt vom Nicht-Aufräumen. Die vier häufigsten Fehler sind gut gemeinte Ordnung.
Mähe gestaffelt. Wenn du eine Wiese oder Wiesenecke hast, mähe nie alles auf einmal. Lass immer ein Drittel bis die Hälfte stehen, damit Raupen und Puppen nicht mit dem Schnitt verschwinden. Zweimal im Jahr, im Juni und im September, in Etappen.
Lass die Samenstände stehen. Schneide Stauden nicht im Herbst zurück, sondern erst im späten Winter, kurz vor dem Austrieb, etwa Ende Februar. In hohlen Stängeln und Samenständen überwintern Insekten. Der abgeblühte Wasserdost im Januar ist kein Schmutz, er ist ein Winterquartier.
Biete Überwinterungsplätze. Manche Falter, etwa Tagpfauenauge und Kleiner Fuchs, überwintern als erwachsenes Tier in Holzstapeln, Schuppen oder dichtem Efeu. Eine Totholzecke oder ein alter Holzstoß ist Gold wert.
Sorge für Feuchtstellen. An heißen Tagen saugen Falter Mineralien aus feuchtem Boden. Eine flache Schale mit feuchtem Sand oder eine nie ganz austrocknende Pfütze im Beet ist eine kleine, wirkungsvolle Geste.
Eine Ecke reicht zum Anfang
Du musst nicht den ganzen Garten umkrempeln. Fang mit einer sonnigen Ecke an: ein Brennnessel-Horst, daneben ein Trupp Wasserdost oder ein Sommerflieder, eine ungemähte Grasfläche und eine Herbstaster für den Schluss. Das ist eine vollständige, kleine Schmetterlingswelt auf wenigen Quadratmetern, mit beiden Speisekarten. Im ersten Jahr kommen Gäste. Ab dem zweiten, dritten Jahr, wenn sich die Population eingerichtet hat, wird daraus ein Zuhause. Der Garten belohnt Geduld, wie immer.
Häufige Fragen
Warum kommen keine Schmetterlinge in meinen Garten, obwohl ich viele Blumen habe?
Wahrscheinlich fehlt eine der beiden Speisekarten. Viele blütenreiche Gärten bieten reichlich Nektar für erwachsene Falter, aber kein Raupenfutter für den Nachwuchs. Ohne Wirtspflanzen wie Brennnessel, Wilde Möhre oder Faulbaum bleiben die Falter kurze Gäste und ziehen zum Eierlegen weiter. Prüfe außerdem, ob deine Blüten überhaupt Nektar tragen: Gefüllte Zuchtsorten von Dahlien, Rosen oder Chrysanthemen sind für Falter oft leere Attrappen. Und schau auf die Blühfolge, wenn im Hochsommer und Herbst nichts blüht, fehlt genau die Zeit, in der die meisten Falter fliegen.
Welche Pflanzen brauchen Schmetterlingsraupen als Futter?
Das hängt vom Falter ab, denn Raupen sind hoch spezialisiert. Die wichtigste Futterpflanze ist die Große Brennnessel: An ihr entwickeln sich Tagpfauenauge, Kleiner Fuchs, Admiral und Landkärtchen. Der Schwalbenschwanz braucht Doldenblütler wie Wilde Möhre, Fenchel oder Dill. Der Zitronenfalter frisst als Raupe ausschließlich Faulbaum und Kreuzdorn. Viele kleine braune und blaue Falter brauchen ungemähte Wildgräser, Hornklee und Wicken. Wichtig: Die Brennnesseln müssen in der vollen Sonne stehen und jung sein, schattige Bestände werden kaum angenommen.
Ist der Sommerflieder gut oder schlecht für Schmetterlinge?
Beides. Der Sommerflieder (Buddleja davidii) ist eine der besten Nektarquellen im Hochsommer und heißt zu Recht Schmetterlingsstrauch. Aber er ist nur die halbe Miete: Keine heimische Raupe frisst seine Blätter, er füttert also nur die erwachsenen Falter, nicht den Nachwuchs. Außerdem versamt er sich stark und gilt in vielen Regionen als invasiv. Schneide verblühte Rispen konsequent aus, bevor sie Samen bilden, und kombiniere ihn immer mit Raupenfutterpflanzen. In der Nähe von Naturschutzgebieten pflanze lieber den heimischen Wasserdost, der fast genauso viele Falter trägt.
Wann sollte ich meinen Schmetterlingsgarten zurückschneiden?
Nicht im Herbst, sondern erst im späten Winter, etwa Ende Februar, kurz vor dem Neuaustrieb. In hohlen Stängeln und Samenständen überwintern Insekten und teils auch Puppen. Wenn du im Oktober alles abschneidest und wegräumst, entfernst du die Überwinterungsquartiere. Lass abgeblühte Stauden wie Wasserdost und Fetthenne über den Winter stehen. Wiesen mähst du gestaffelt: immer nur ein Teil auf einmal, damit Raupen und Puppen im stehenden Rest überleben.
Wie schließe ich die Nektarlücke im Hochsommer?
Die Hochsommerlücke im Juli und August ist die gefährlichste, weil dann die meisten Falter fliegen, viele Frühjahrsblüher aber schon durch sind. Setze gezielt spät blühende Stauden: Sommerflieder, Wasserdost, Skabiose, Kugeldistel, Oregano und Ziest tragen durch den Hochsommer. Für den Übergang in den Herbst folgen Herbstaster, Fetthenne und Patagonisches Eisenkraut, das bis in den Oktober blüht. Wähle aus jedem Zeitfenster zwei bis drei Arten, dann ist immer etwas offen. Lass außerdem Küchenkräuter wie Oregano und Thymian blühen, sie füllen die Lücke fast von selbst.
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