Auf einen Blick
- Veredeln heißt: eine robuste Wurzel (Unterlage) trägt eine ertragreiche Sorte (Edelreis). Zwei Pflanzen werden zu einer.
- Die Kopfveredelung ist die einfachste Methode für zu Hause. Du schneidest beide Sämlinge schräg an und verbindest sie mit einem Silikonclip.
- Der richtige Moment liegt bei KW 8 bis 12, wenn beide Sämlinge bleistiftdick und etwa gleich stark sind.
- Der Trick liegt nicht im Schnitt, sondern in der Nachsorge: fünf bis sieben Tage in feuchter, schattiger Luft verwachsen lassen.
- Es lohnt sich vor allem bei Bodenmüdigkeit, im Kübel und im Gewächshaus, wo dieselbe Erde Jahr für Jahr genutzt wird.
Eine veredelte Tomate sieht auf den ersten Blick aus wie jede andere. Der Unterschied sitzt zwei Fingerbreit über der Erde: eine kleine Verdickung, die Narbe, an der zwei Pflanzen zusammengewachsen sind. Unten eine Wildtomaten-Kreuzung mit einem Wurzelsystem, das kaum krank wird und selbst aus müder Erde noch Nährstoffe holt. Oben deine Lieblingssorte, die du wegen ihres Geschmacks ziehst und nicht wegen ihrer Widerstandskraft. Klingt nach Gärtnerei-Handwerk, ist aber am Küchentisch machbar. Wer schon einmal Sämlinge auf dem Fensterbrett vorgezogen hat, bringt alles mit, was es braucht.
Was Veredeln eigentlich bedeutet
Beim Veredeln kombinierst du die Stärken zweier Pflanzen. Die Unterlage, botanisch oft eine Kreuzung aus Solanum lycopersicum und der wilden Solanum habrochaites, bringt Wüchsigkeit und Widerstand gegen bodenbürtige Krankheiten mit. Ihre Früchte wären dir zu klein und fad. Das Edelreis, also der obere Teil, ist deine Wunschsorte: eine aromatische Fleischtomate, eine alte Hofsorte, eine süße Cocktailtomate. Beide werden im Sämlingsstadium getrennt und über Kreuz wieder verbunden. Was zusammenwächst, teilt sich fortan Leitungsbahnen: Die Wurzel schickt Wasser und Nährsalze nach oben, die Blätter schicken Zucker nach unten.
Das Prinzip ist uralt und stammt aus dem Obstbau. Bei Tomaten wurde es lange nur in Profibetrieben genutzt, weil dort dieselben Gewächshausböden über Jahrzehnte bepflanzt werden und Pilze wie Verticillium oder Fusarium sich anreichern. Für den Hausgarten ist die Technik erst interessant geworden, seit es fertige Unterlagensorten als Saatgut gibt und günstige Silikonclips die Verbindung stabil halten.
Die Unterlage entscheidet über die Gesundheit, das Edelreis über den Geschmack. Beim Veredeln bekommst du beides.
Gärtner-Faustregel
Für wen es sich lohnt und für wen nicht
Veredeln ist kein Muss. Auf frischem, gesundem Gartenboden bringt eine gute Sorte auch ohne Unterlage eine üppige Ernte. Der Aufwand rechnet sich in bestimmten Lagen aber deutlich.
- Immer dieselbe ErdeWer im Gewächshaus oder im Hochbeet Jahr für Jahr Tomaten am selben Platz zieht, sammelt bodenbürtige Krankheiten an. Die Unterlage steckt das weg.
- Kübel und BalkonIn begrenztem Wurzelraum holt eine kräftige Unterlage mehr aus wenig Substrat. Die Pflanzen trocknen langsamer aus und tragen länger.
- Alte und empfindliche SortenAromatische Hofsorten sind oft schwachwüchsig. Auf starker Unterlage legen sie sichtbar zu, ohne dass du am Geschmack sparst.
- Kühle, kurze SommerIn rauen Lagen bringt der Wüchsigkeitsschub der Unterlage die Ernte oft schneller in Gang, bevor der Herbst kommt.
Wenig Sinn ergibt das Ganze, wenn du jedes Jahr an anderer Stelle im Freiland pflanzt und ohnehin robuste, moderne Sorten ziehst. Dann steckst du Arbeit in etwas, das der Boden gratis erledigt. Und ganz ehrlich: Wer zum ersten Mal Tomaten zieht, sollte erst das Vorziehen sicher beherrschen, bevor er das Skalpell ansetzt.
Der häufigste Anfängerfehler passiert nicht beim Schneiden, sondern schon bei der Aussaat. Unterlage und Edelreis müssen zum Veredeltermin gleich dick sein. Weil viele Unterlagensorten etwas langsamer keimen, säst du sie drei bis fünf Tage vor der Wunschsorte aus. Notiere dir beide Aussaattage. Wer beide am selben Tag sät, hat später oft einen dünnen und einen dicken Stängel, und die passen nicht sauber zusammen.
Der richtige Zeitpunkt
Veredelt wird im ganz jungen Stadium, wenn die Sämlinge zwei bis vier echte Blätter haben und der Stängel etwa bleistiftdick ist. In der Praxis fällt das je nach Aussaat auf KW 8 bis 12, also Ende Februar bis Ende März. Das passt gut zum üblichen Vorziehtermin für Gewächshaustomaten. Wichtiger als das Kalenderdatum ist die Stängeldicke: Zu dünn reißt der Schnitt aus, zu dick heilt langsam und der Clip hält schlecht.
Plane den Veredeltermin so, dass danach ein paar ruhige Tage folgen. Die verwachsenden Pflanzen brauchen konstant warme, feuchte Luft und dürfen nicht in die pralle Frühjahrssonne. Ein verlängertes Wochenende ist ideal, um die Heilphase im Blick zu behalten.
Kopfveredelung Schritt für Schritt
Die Kopfveredelung, auch Anplattung oder splice grafting genannt, ist die verbreitetste Methode für Tomaten. Du kappst beide Pflanzen mit einem schrägen Schnitt und setzt den Kopf des Edelreises auf den Fuß der Unterlage. Ein Silikonclip klammert die Schnittflächen zusammen, bis sie verwachsen sind. Arbeite an einem sauberen Platz, wasch dir die Hände und nutze eine frische, scharfe Klinge.
Werkzeug vorbereiten
Skalpell oder neue Rasierklinge, Veredelungsclips mit 1,5 bis 2 mm Innenweite, ein Sprühgerät mit Wasser und eine durchsichtige Haube oder eine große Klarsichttüte. Klinge kurz mit Alkohol abwischen.Unterlage schneiden
Kappe die Unterlage knapp über den Keimblättern mit einem glatten, schrägen Schnitt in etwa 45 Grad. Die Wurzel samt kurzem Stängel bleibt im Topf, der obere Teil wird verworfen.Edelreis schneiden
Schneide deine Wunschsorte im gleichen Winkel ab. Diesmal behältst du den oberen Teil mit den Blättern. Achte darauf, dass beide Schnittflächen gleich groß sind und flächig aufeinanderpassen.Zusammenfügen
Setze das Edelreis so auf die Unterlage, dass sich die Schnittflächen voll decken. Schiebe den Silikonclip über die Nahtstelle. Er hält beide Teile in Position, ohne zu quetschen.Sofort befeuchten
Sprühe die frisch veredelte Pflanze fein mit Wasser ein und stelle sie unter die Haube. Von jetzt an zählt nur noch feuchte Luft und Schatten.
Verzweifle nicht, wenn die ersten Versuche schiefgehen. Setz einfach mehr Pflanzen an, als du am Ende brauchst. Eine Quote von zwei geglückten aus drei Versuchen ist für den Anfang völlig normal, und mit etwas Übung schaffst du bald fast alle.
Die Heilphase entscheidet über den Erfolg
Jetzt beginnt der Teil, den viele unterschätzen. Die Schnittflächen müssen verwachsen, bevor die obere Pflanze zu viel Wasser verliert. Dafür brauchst du eine Art Mini-Gewächshaus: hohe Luftfeuchte nahe der Sättigung, Temperaturen um 22 bis 25 Grad und vor allem Schatten. Direkte Sonne würde die noch nicht versorgte Sorte in Stunden welken lassen.
Halte die Pflanzen drei Tage komplett geschlossen und schattiert. Ab Tag vier lüftest du die Haube jeden Tag ein Stück weiter und lässt vorsichtig Licht dazu. Nach fünf bis sieben Tagen steht das Edelreis von selbst aufrecht, ohne zu welken, wenn du die Haube abnimmst. Das ist das Zeichen, dass die Leitungsbahnen wieder verbunden sind. Erst dann gewöhnst du die Pflanze langsam an normale Bedingungen.
Wenn das Edelreis nach einer Woche schlaff bleibt und sich braun verfärbt, ist die Verbindung nicht angewachsen oder ein Pilz sitzt in der Wunde. Solche Pflanzen aussortieren und nicht weiterkultivieren, sonst holst du dir Fäule ins Anzuchtbeet. Sauberes Werkzeug und trockene Blätter oberhalb der Naht beugen dem vor.
Ist die Naht verwachsen, kultivierst du die Pflanze weiter wie jede andere Jungtomate: hell, kühler stellen, langsam abhärten. Ein Punkt bleibt aber für das ganze Gartenjahr wichtig. Die Veredelungsstelle muss immer über der Erde bleiben. Pflanzt du die Tomate tiefer, bildet das Edelreis eigene Wurzeln, und der ganze Vorteil der robusten Unterlage ist dahin. Also flacher setzen als bei unveredelten Tomaten und die Narbe frei lassen.
Unterlage und Sorte klug kombinieren
Die Unterlage kaufst du als Saatgut eigens dafür gezüchteter Sorten. Verbreitet und gut verfügbar sind kräftige Hybriden, die auf Krankheitsresistenz und Wüchsigkeit gezüchtet sind. Sie tragen keine nennenswerten Früchte, das ist Absicht: Die ganze Kraft soll ins Wurzelwerk und in das aufgesetzte Edelreis gehen.
Als Edelreis eignet sich fast jede Sorte, die du magst. Besonders lohnt sich der Aufwand bei schwachwüchsigen, aber aromatischen Sorten, die alleine oft schwächeln. Wenn du unsicher bist, welche Sorte zu deinem Standort passt, hilft der Überblick über Sortentypen von Cocktail- bis Fleischtomate. Eine veredelte Pflanze wird wüchsiger als gewohnt, gib ihr also mehr Platz und geize sie konsequent aus, sonst wird das Laubwerk zum Dschungel.
Solanum lycopersicum
- Familie
- Nachtschattengewächse
- Standort
- Vollsonnig, warm, regengeschützt
- Saison
- Aussaat KW 8 bis 12, Ernte ab KW 28
- Wasserbedarf
- Gleichmäßig feucht, nie von oben gießen
- Frosthärte
- Nicht frosthart, ab KW 20 nach draußen
Ein Wort zur Krankheitsvorsorge: Veredeln stärkt die Wurzel, macht die Blätter aber nicht immun. Gegen die gefürchtete Kraut- und Braunfäule hilft weiterhin nur ein trockenes Blätterdach, luftiger Stand und ein Regendach. Die Unterlage schützt vor allem gegen das, was aus dem Boden kommt.
Häufige Fragen
Häufige Fragen zum Tomaten-Veredeln
Lohnt sich das Veredeln von Tomaten im Hausgarten überhaupt?
Wann ist der richtige Zeitpunkt, um Tomaten zu veredeln?
Welche Methode ist für Anfänger am einfachsten?
Warum welkt mein Edelreis nach dem Veredeln?
Wie tief darf ich eine veredelte Tomate pflanzen?
Ist dir ein Fehler aufgefallen?

